Direkt zum Inhalt
Direkt zur Navigation

Ist Swissness im Lebensmittelexport eine Chance?

Man kann die Swissness-Frage wissenschaftlich, aber auch eher emotional angehen. Es ist wohl die sommerliche Schwüle, die mich zu letzterem animiert. Essen ist etwas Besonderes. Man muss es tun. Immer aber ist Essen auch Vergnügen, Freude, Genuss oder aber - bei schlechter Küche - das Gegenteil hievon. Nahrungsmittel wecken immer auch Empfindungen und Assoziationen: Rollmops - Nordseeküste; Mango und Papaya - Südseestrand. Geht es nun darum, Schweizer Produkte im Ausland zu positionieren, muss das Marketing hiefür ein zentrales Ziel erreichen - Schweizer Produkte in Einklang mit dem Image der Schweiz zu bringen. Unser Image ist gut; das "Label Schweiz" weltweit positiv. Wir werden für vieles bewundert: gepflegte Natur, Zuverlässigkeit, Qualität, Heimeligkeit, gleichzeitig aber auch fortschrittlich, innovativ, ja oft sogar als trendy.

Mit dem, was ein Konsument isst oder trinkt, will er sich einen Teil dessen "einverleiben", was das Image des Herkunftslandes ihm suggeriert. Je präsenter nun das Schweizer Image auf den Auslandsmärkten wird, desto grösser ist der Kreis von "Swissness-Geniessern". Schon heute schlagen Schweizer Produkte im Ausland oft wie Bomben ein. Weil sie gut sind? Dies selbstverständlich auch. Vorab im Premium-Bereich aber zählt anderes ebensoviel - und dieses andere kann - ja muss - zukünftig vermehrt die Swissness sein.

Der Politik bleiben zwei Aufgaben: Einerseits hat sie Bemühungen zur Koordinierung der Landeswerbung zu unterstützen und diese darauf zu fokussieren, dass das "Label Schweiz" in als Einheitliches und Positives beurteilt wird. Andererseits sind nicht nur national - sondern auch in internationalen Abkommen - Regelungen zu treffen, welche Herkunftsbezeichnungen schützen und festlegen, dass Produkte und deren Rohstoffe tatsächlich vom geschützten Herkunftsbereich stammen.

Agrarfreihandelsabkommen Schweiz - EU

Die FIAL ist sich der Risiken eines Agrarfreihandelsabkommens durchaus bewusst. Bedeutend höher aber beurteilt sie die Chancen. Sie sieht im EU-Raum für die Nahrungsmittelindustrie und die Landwirtschaft ein grosses Potential im Premium-Bereich. Man weiss, dass im EU-Raum 3 bis 5 % der Konsumenten regelmässig Premium-Produkte kaufen. Bei 350 Mio. EU-Bürgern sind dies 10 bis 15 Mio. potentielle Kunden von Schweizerischen Lebensmitteln mit hoher Wertschöpfung. Die Qualität unserer Produkte und deren Rohstoffe sind schon jetzt gut. Was - teilweise - noch fehlt, ist der Wille (und der Glaube), den Premium-Markt der EU für sich erfolgreich erschliessen zu können.

Freihandel bringt Konkurrenz. Konkurrenz aber ist es, was Kräfte freimacht, Entwicklungen beflügelt und die Dynamik erhöht. Wird dadurch die erwünschte Position im EU-Markt (und weiteren Märkten) erreicht, ist die Nahrungsmittelindustrie und die Landwirtschaft auch langfristig gesichert. Ein Beibehalten dessen, was heute ist, würde immer mehr wie ein Damokles-Schwert über der Nahrungsmittelbranche schweben. Dies lähmt. Einer Stagnation durch einen klaren und mutigen Schritt in Richtung Zukunft vorzubeugen, ist besser, als dem (scheinbaren) Charme des Bestehenden zu erliegen.

22. Juni 2006 - Rolf Schweiger
Zeitungsartikel Alimenta

Interner Linkzurück zur Übersicht