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Ansprache von Ständerat Rolf Schweiger anlässlich der Morgartengedenkfeier vom 15.11.2006

Hochwürdige Herren
Geschätzte Räte und Richter der Stände Zug und Schwyz
Geschätzte Repräsentanten des Militärs und der Verwaltung
Sehr verehrte Damen und Herren

Die Morgartenschlachtfeier will und das ist Tradition Geschichte mit dem Heute verbinden. Was aber ist Geschichte? Ist sie eine blosse Auflistung vergangener Fakten und Daten oder ist sie Rezeptbuch für die Zukunft? Beides ist falsch. Geschichte kann nicht mehr, aber auch nicht weniger, als Anregungen geben und Mittel sein, Probleme, die sich heute stellen, mit solchen zu vergleichen, die es früher gab. Für die Lösung heutiger Probleme aber darf Geschichte nicht Rezept, sondern nur Idee sein, die an dem zu messen ist, was die heutigen Gegebenheiten verlangen und erfordern. So betrachte ich auch Morgarten.

Was war Morgarten? Morgarten war die erste Bewährungsprobe der noch jungen Eidgenossenschaft, damals noch bestehend aus den Urkantonen. Morgarten war die Reaktion auf die erste sich für die Urschweiz ergebende Bedrohung, dies unabhängig davon, was auch immer zu dieser Bedrohung geführt hat. Bedrohungen nun haben wir auch heute. Sie sind anders; in der überwiegenden Zahl ganz anders als früher. Im 13. Jahrhundert war Grundlage des Lebens das eigene Territorium. Das Auskommen war eng mit der Bewirtschaftung des Bodens verbunden. Das Leben spielte sich fast ausschliesslich im näheren Umfeld ab. Heute ist dies nicht mehr so. Für unseren wirtschaftlichen Erfolg ist nicht mehr der Besitz von Land entscheidend. Entscheidend geworden ist das Wissen nicht ein Wissen im technischen Sinne, sondern das Wissen, die Erfahrungen, die Einstellungen und die Netzwerke, wie wir uns in der global gewordenen Welt positionieren können. Globalisierung weckt Ängste und viele empfinden die Globalisierung als Bedrohung dessen, was heute ist. Bedrohungen aber mit Ängstlichkeit zu begegnen und ihnen auszuweichen, ist falsch. Bedrohungen und Morgarten hat das gezeigt hat man sich zu stellen.

Ich meine, dieses Sich-Stellen macht die Schweiz gut, und für das bisher Gezeigte ist insbesondere unseren beiden Kantonen Schwyz und Zug ein Kränzchen zu winden. Mehr als andere waren wir bereit, uns der internationalen Wirtschaft zu öffnen. Ausländische Firmen mehr und mehr mit schweizerischem Personal, ja sogar mit schweizerischem Kader haben die Schweiz als Basis für die Erschliessung der europäischen und weiteren Märkte gewählt. Umgekehrt haben unsere Unternehmungen sich direkt oder in Kooperationen mit ausländischen Firmen in ausländischen Märkten positioniert. Wir haben die uns gebotenen Chancen gepackt und uns in der globalen Welt integriert und positioniert. Es mag komisch klingen, diese Leistung mit derjenigen der Schlachtbeteiligten in Morgarten zu vergleichen. Im Grunde genommen aber haben wir ähnliches getan. Wir haben auf Situationen, die wir zu meistern hatten, richtig reagiert - bei Morgarten durch Abschottung; heute durch wirtschaftliche, nicht aber eine totale politische Öffnung. Sowohl damals wie auch heute aber war für uns etwas zentral wichtig: Das Verbundensein mit dem Gewachsenen oder ganz einfach gesagt - das Wissen, hier unsere Heimat zu haben. Bei aller Bereitschaft zum Internationalen und bei allen Aktivitäten im Internationalen sind wir uns treu geblieben - den eigenen Wurzeln und unserem Verständnis des menschlichen Zusammenlebens. Ein Bild hierzu: Wir Schwyzer und Zuger können uns tagsüber in Englisch, Französisch oder weiss nicht was im Internet ins internationale Handels- und Finanzgeschehen durchaus erfolgreich einloggen. Am Abend aber gefällt es uns am besten, wenn wir im Rössli mit Stumpen und Bier eine Bratwurst essen und über unsere Gemeinde- und Regierungsräte, vor allem aber über Bern schimpfen. Dieses Schimpfen ist, wenn es denn ein Stück Heimat ist, durchaus gut so.

Was wir und damit komme ich auf das Feld des Politischen zu sprechen weniger gut machen als seinerzeit unsere Vorfahren in Morgarten, ist das zunehmende Unvermögen, entscheiden zu können. Im Jahre 1315 am Tage vor St. Othmar warnte ein Pfeil vor einer drohenden Gefahr und die Umstände verlangten es, hierauf schnell und richtig zu reagieren. Es mag zwar durchaus sein, dass schon damals unterschiedliche Meinungen über Lage und Ausgestaltung des Abwehrdispositivs bestanden haben. Diese Unterschiede aber wurden überwunden. Es wurde entschieden.

Heute stecken in den Bäumen rund ums Bundeshaus in Bern mehr als nur ein Pfeil, die uns auf Probleme, Gefahren und Bedrohungen aufmerksam machen und davor warnen. Die Reaktion auf solche Pfeile aber ist nicht, uns zusammen zu raufen, um ein richtiges Dispositiv aufziehen zu können. Nein! Die Pfeile bewirken nur das Eine - nämlich: sofort eine Position einzunehmen, von der jeder für sich und seine Partei glaubt, sie sei für das eigene Image wichtig und richtig. Diese Positionen aber werden immer mehr zu Steinblöcken der Unversöhnlichkeit. Nicht die Lösung des Problems nein die eigene, gemeint ist die parteipolitische, Positionierung und Profilierung steht im Vordergrund, im Zentrum. Wäre Morgarten heute, würden die Einen die Österreicher vom Schiff aus ab dem Ägerisee bekämpfen wollen. Andere hätten die Idee, beim Eierhals eine Barrikade aufzubauen. Wieder Andere möchten nach Zug vorstossen, um die Österreicher im vermeintlichen Durcheinander des Sich-Ordnen-Müssens überraschen zu können. Einige kämen wohl auch auf die an sich zutreffende Idee, das zu tun, was in Morgarten tatsächlich gemacht wurde. Bei einem solchen Durcheinander von Meinungen, Positionierungen und Profilierungen aber wäre vorsichtig gesagt ein Sieg fraglich gewesen.

So aber ist die Situation heute. Wir stehen vor Energieengpässen und Klimaproblemen - die Reaktion: Hunderte von Vorschlägen, aber kein Konzept. Die Zukunft der Armee harrt einer Lösung. Die Meinungen aber sind meilenweit voneinander entfernt und von einem Fokussieren auf das Wesentliche kann keine Rede sein. Resultat: eine totale Blockade. Die Sozialwerke bedürfen einer langfristigen Sicherung. Trotzdem gelingen wenn überhaupt nur kleine Schrittchen. Einer Lösung wirklich näher zu kommen, wagt keiner. Die Angst vor den Wählerinnen und Wählern; die Angst vor allem aber vor den Medien lähmt so intensiv, dass das, was man politischen Mut nennt, kaum mehr zu finden ist. Die Politik und ich bin mir der provokativen Übertreibung dieses Satzes sehr wohl bewusst droht, zu einem Hort von Memmen zu werden, denen zielloses Herumflattern im Fokus von Blitzlichtern, Mikrofonen und Kameras das einzige Politziel zu sein scheint.

Morgarten könnte uns etwas lehren. Einen Pfeil im Baum bloss zu sehen, ist das Eine. Auf die Warnung, die auf diesem Pfeil angebracht ist, zu reagieren das Andere, das sehr viel Schwierigere. Dieses Schwierige aber blenden wir aus. Wir bleiben dem Unversöhnlichen verhaftet. Dabei wissen wir genau: Wer nicht entscheidet, wenn es an der Zeit ist, kann nur verlieren.

Erlauben Sie mir, mit einer Prise Humor meine Betrachtungen abzuschliessen:

Hätten die Urkantone am Tage vor St. Othmar sich so verhalten, wie wir dies heute tun, könnte man in den Restaurants in Sattel heute nicht einen "Kaffee Zwätschge" bestellen; nein: Man müsste sich mit einem Kännchen Kaffee mit Schlagobers und Marillen-Wasser bescheiden. Dieses Gesöff ist nun aber wirklich nicht gut. Gott sei Dank hat Morgarten es uns erspart. Sollen aber auch uns und unseren Nachkommen solche schalen, nach nichts schmeckenden Gesöffe erspart bleiben, haben wir uns zusammen zu raufen, zu entscheiden und zu handeln. Noch ist Zeit dazu.

Ich danke Ihnen.

Ständerat Rolf Schweiger

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