Ansprache von Ständerat Rolf Schweiger beim Schweigemarsch betreffend Kinderpornografie am 23. September 2006 in Luzern
Wenn wir von Kinderpornografie reden, denken wir vorab an direkten sexuellen Missbrauch von Mädchen und Buben, an Kinder, die fotografiert und deren Bilder durch Internet, Video und ähnliches weltweit verbreitet werden, an Kinder, die zur Prostitution gezwungen werden - alles schlimm, verachtenswert, die Zukunft junger Menschen zerstörend.
Woran wir aber weniger denken, ist eine andere Art von Kinderpornografie. Es ist die Versuchung unserer Kinder, Sexuelles selbst sehen zu wollen, im Internet, auf dem Handy, auf Videos bei Kolleginnen und Kollegen. Hiervon will ich heute nicht sprechen. Nicht als Vorwurf an die Kinder, die solches tun, sondern als Warnung und Aufruf an uns alle. Mit zunehmendem Alter beginnen sexuelle Fantasien. Das Kind spürt, langsam erwachsen zu werden. Seine Neugier wächst; auf seinen eigenen Körper, aber auch auf das, was wir Grossen, wir Erwachsenen tun. Für unsere Kinder wird es immer leichter, Bilder, Filme, Internetszenen über Sexualität sich zu beschaffen. Das aber, was sie da sehen, ist nicht noch nicht ihre Sexualität, ja zumeist auch nicht eine Sexualität, wie wir Erwachsene sie tun -nein-, es ist Pornografie, wo das Sexuelle als Konsum, als Befriedigung nur der eigenen Triebe und des eigenen Egos, als Ausleben von Abartigkeiten dargestellt wird. Die Frau ist nicht Mensch. Sie ist Objekt, sie ist Ware. Der Mann ist nicht jemand, der auf sein Pendant, auf die Frau, eingeht, ihre Gefühle erwidert, sie zu erfüllen sucht. Nein der Mann ist Raubtier, welches die Frau als blosses Objekt seiner Begehrlichkeiten gebraucht und verzehrt. Wenn ein Kind solche Bilder sieht, vielleicht sogar mit Interesse sieht, wird es mit einer Sexualität konfrontiert, die es ein Leben lang unfähig machen kann, wahre Sexualität zu leben und zu empfinden. Es verbindet in seinem Innersten Sexualität mit Gewalt, mit Egoismus, mit Erniedrigung - also mit all dem, was das genaue Gegenteil von Liebe ist. Davor vor solchen Zerrbildern müssen wir unsere Kinder am Anfang ihres Erwachsenwerdens schützen. Zwar erachte ich ein Übermass von Geboten und Verboten, mit welchen das Handeln unserer Jugend direkt oder indirekt gelenkt werden soll, als falsch. Jugendliche dürfen und sollen Fehler machen können, denn nur dies schafft die Voraussetzungen dafür, später selbst verantwortliche Erwachsene werden zu können. Dies gilt für alle diejenigen Bereiche des jugendlichen Lebens, wo Fehler korrigierbar sind. Daneben aber gibt es Bereiche im Leben unserer Jugend, wo negative Ereignisse, Eindrücke und Geschehnisse für das spätere Leben nicht oder doch fast nicht mehr korrigierbar sind. Dazu gehört die Sexualität und damit etwas, was für die Gefühls- und Liebeswelt des späteren Erwachsenen eine zentrale Rolle spielt. Der Einstieg in die Sexualität ist für jeden Menschen prägend. Sexuelle Erfüllung kann später nur finden, wer erste sexuelle Erfahrungen jugendgerecht gemacht hat, dies im sanften Annähern an die Vielfalt dessen, was Sexualität sein kann und sein soll. Ein junger Mensch, der zu Beginn seiner Sexualität mit einer Perversion des Sexuellen konfrontiert wird, die für ihn noch nicht vorstellbar, schockierend, ja abstossend ist, läuft grosse Gefahr, Sexualität später nicht mehr positiv, als etwas Schönes und als für die Liebe prägendes empfinden zu können. Er wird nie Gefühle erleben und haben können, die Liebe auch zu geben vermag.
Dieses Nicht-Rückgängigmachen-Können der Folgen von sexuellen Schock-Erlebnissen in der Jugendzeit ist es, warum ich auch staatliche Verbote und Gebote in diesem Bereich als richtig, ja als zwingend erachte. Das Tolle am Internet und an anderen Informations- und Kommunikationsmitteln muss seine Grenze an der Zerstörung des Glücks unserer Jugend finden. Eine positive Sexualität ist zu wichtig, als dass man sie aus eigennützigen Motiven zerstören darf.
Ich habe mich in Bern dafür eingesetzt und verschiedene Motionen hierzu eingereicht. Der Ständerat hat mich einhellig unterstützt. Mein Engagement aber wird weitergehen. Ich will eine Welt, in der unsere Kinder die Chance haben, glücklich, wahrhaft glücklich zu werden.
Ich danke Ihnen.
Ständerat Rolf Schweiger


