Ansprache SR Rolf Schweiger
zur Vernissage der Benefiz-Kunstausstellung von Martin C. Stucki sowie dessen Tochter vom 3. Juni 2005
Einige von Ihnen haben sicherlich den Kopf geschüttelt, als sie gelesen haben, dass ich zur Vernissage der Stucki-Ausstellung spreche. Obwohl man weiss, dass Politiker Sachverstand hin oder her zu allem, was man ihnen offeriert, sprechen, wäre ihr Kopfschütteln gleichwohl dann berechtigt, wenn ich mich zur Kunst von Martin Stucki und dessen Tochter äussern würde. Das aber tue ich nicht. Der Grund, warum ich heute hier stehe, ist vielmehr meine Faszination über den Menschen Stucki. Zwar kenne ich ihn nicht persönlich. Ich habe über ihn nur gelesen und mich über ihn mit Frau Nationalrätin Ursula Haller, Mitglied des Stiftungsrates der Martin Stucki-Stiftung unterhalten. Aber schon diese wenigen Kontakte haben mich erkennen lassen, wie anders doch der Mensch Martin Stucki ist als viele von uns das sind. Warum das?
Unsere Welt und vorab die Wirtschaftswelt wird immer mehr durch scheinbar unverrückbare Grundsätze geprägt: Fokussierung, Ausrichtung auf ein Ziel, sich Unterordnen diesem einen Ziel. Und diese Unterordnung auf nur etwas, - diese Zielstrebigkeit lässt Brüche nicht zu. Eine ungebrochene Karriere ist Sinn und Zweck des Lebens von vielen unter uns. Wir sind skeptisch, Nebenwege zu betreten. Wir sind aber auch skeptisch, in uns andere Saiten als diejenige, die zum Erfolg führen, anklingen zu lassen, könnte dies doch vom Ziel ablenken.
Martin Stucki hat in seinem Leben viel Erfolg gehabt, doch, sein Leben verlief mit Brüchen, mit Sprüngen, auf parallelen Pfaden. Er hat immer in verschiedenen Welten gelebt, dies gemeint sowohl geografisch wie hinsichtlich seines Denkens und seines Tuns.
Er lebte in Afrika; er lebte in der Schweiz. Doch, als er hier oder dort war; das jeweils andere war immer präsent; das Schweizerische in Afrika, das Afrikanische in der Schweiz.
Basis seines künstlerischen Tuns waren Phantasie, das Irreale, das Abstrahierende. Basis seines beruflichen Wirkens dagegen waren Realitäten, das Sich-Konzentrieren auf Tatsachen, das Entscheiden-Müssen nach Massgabe primär des Intellektes und nicht der Emotionen.
Ziel seines Tuns war nie allein nur persönlicher Erfolg. Immer schon und immer mehr war ihm ein Anliegen und eine sich selbst auferlegte Verpflichtung, seinen Erfolg mit anderen zu teilen. Individuelle Interessen fanden zunehmend ihre Grenzen am sozialen Engagement.
Diese verschiedenen Dualitäten - Afrika/Europa - Realität/Abstraktion - Individualität und soziales Engagement haben das Leben von Martin Stucki geprägt. Was das im Einzelnen heisst, sei nun kurz ausgeführt.
Vielleicht wäre Martin Stucki ein ebenso molekulares Wesen geworden, wie viele von uns das sind, wenn sein Vater nicht gewesen wäre. In seinen jungen Jahren gehörte nämlich das ganze Interesse von Martin Stucki der Kunst. Mit 16 Jahren bereits hatte er seine erste Ausstellung. Sein Vater aber fand vom Sohne Martin akzeptiert , dass er auf Kunst allein sein Leben nicht abstellen sollte. So wurde Martin Stucki Lehrer. Sein Wirkungskreis als Lehrer aber war nicht eine Dorfschule irgendwo im Berner Oberland - nein - er übersiedelte mit seiner Frau - ebenfalls Lehrerin - nach Afrika, in eine abgelegene Gegend in Kamerun. Auch dort aber war er nicht einfach Lehrer. Er sagte sich, dass Lehrerinnen und Lehrer für afrikanische Schülerinnen und Schüler eigentlich Afrikaner sein sollten, und folgerichtig übernahm er die Leitung eines dortigen Lehrerseminars. Das allein aber genügte ihm nicht. Ihn interessierte die Fauna Kameruns. Nach umfangreichen Feldstudien schrieb er schliesslich sogar seine Dissertation über die dort vorkommenden Schlangen.
Nach zehn Jahren in Afrika meinte er, dass er als Weisser sich zurückziehen sollte und die Weiterarbeit Kamerunern zu überlassen habe. So verliess er Afrika, weilte aber mit seinen Gedanken gleichwohl immer und immer wieder da, wo er angefangen hatte, die dortigen Bildungsstrukturen zu festigen.
In die Schweiz zurückgekehrt, begann nach Künstler, Lehrer und Naturkundler seine vierte Karriere. Er wurde Instruktionsoffizier der Schweizer Armee, stand einem Panzerregiment vor, wurde Stabschef einer mechanisierten Division und schliesslich als Brigadier Direktor des Bundesamtes für Transporttruppen. Nach Beendigung der Leitung dieses Bundesamtes begann er in gewisser Weise seinen beruflichen Rückweg anzutreten. Er wurde wieder Lehrer - diesmal als Direktor der militärischen Führungsschule an der ETH in Zürich. Nach seiner Pensionierung nahm er seinen (wie er es nannte) "Erstberuf" die Malerei wieder auf. Mit seiner erneuten Kunsttätigkeit aber wollte er nicht primär seinen Erfolgs-Palmares erweitern. Sein Ziel war viel mehr ein soziales. Malen sollte für ihn "Mittel zum Zweck" sein, und dieser "Zweck" war das afrikanische Urwaldgebiet von Owang im Westen Kameruns. Dort, wo er vor fast 40 Jahren für die Baslermission tätig war, wollte er weiter helfen. Aus dem Erlös seiner Ausstellungen finanzierte er für Kinder aus verschlafenen Urwalddörfern deren Schulbesuch, ermöglichte vielen eine Ausbildung in einem handwerklichen Beruf und unterstützte viele weitere, vorab im Interesse der jungen Leute liegende Projekte.
Um die Last seines Projektes auf verschiedene Schultern zu verteilen, gründete er vor einem Jahr die "Martin Stucki-Stiftung". Diese gewährleistet, dass die Hilfe in Kamerun zukünftig auf einer breiteren Basis geplant, organisiert und weitergeführt werden kann.
Sie werden mit mir übereinstimmen, dass das Leben und Wirken von Martin Stucki ein bemerkenswertes war und ein bemerkenswertes ist. Wer könnte sich gäbe es Martin Stucki nicht einen schlangenforschenden Panzerkommandanten, einen malenden Brigadier, einen Leiter der Militärakademie an der ETH, der vorher ein Lehrerseminar in Kamerun geleitet hatte, einen zumindest in seinem heutigen Outfit jeden Haarbefehl der Armee missachtenden Chef der Transporttruppen vorstellen. Die Nicht-Fokussierung von Martin Stucki auf nur etwas, seine Vielschichtigkeit und Vielfältigkeit hat Charme. Ich hoffe, dass Sie und ich diesem Charme erliegen, sei dies einerseits für die Gestaltung unserer eigenen Leben oder sei dies andererseits dadurch, dass wir uns dazu entschliessen, zum Erfolg der Martin Stucki-Stiftung beizutragen. Dazu lade ich Sie ein. Überspringen Sie Ihren Schatten. Ich danke Ihnen.
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